July 27, 2006

Ein Streng Geheimes Doppelleben

Irgendwann im Frühjahr bekam ich eine E-mail von einem unbekannten Absender. Etwas machte mich neugierig. Der kryptischen Absender-Adresse nach schien es als wolle jemand unerkannt mit mir in Kontakt treten. Vielleicht ein Informant mit brisanten Informationen?

Es war ein hektischer Mittwochabend. Redaktionschluss. Mein Kopf brummt. Dennoch mache ich die Post auf.

"Bitte rufen Sie mich an. Es ist dringend," steht da, inklusive einer Telefonnummer.

Ich bin etwas enttäuscht. Etwas mehr hätte es dann schon sein dürfen, lieber Herr X. Die neue Ausgabe von morgen muss zum Layout, und ich will noch eine Eilmeldung für Seite eins absetzen. Ich vergesse die E-mail vorerst.

Als ich mich am nächsten morgen von zu Hause aus in meinen elektronischen Briefkasten einlogge, wartet neue Post des Unbekannten auf mich. Er klingt noch eindringlicher als gestern. "Bitte rufen Sie mich sofort an. Ich möchte etwas 'verifizieren.'"

Verifizieren? Meine journalistischen Alarmglocken klingeln. Wenn der anonyme E-mailer mir wirklich Information zustecken wollte, klänge das anders.

Laut Google handelt es sich bei der angegebenen Telefonnummer um einen Anschluss in Florida. Ich greife zum Hörer.

Am anderen Ende der Leitung klingelt es. Dann meldet sich eine Dame.

Ich: Ähem, guten Tag.

Ich sage kurz, wer ich bin.

Ich: Jemand hat mir per E-mail diese Telefonnummer geschickt.

Dame: Ah, ja. Das war ich. Vielen Dank, dass Sie anrufen.

Herr X ist eine Frau.

Ich: Wer sind Sie, und um was geht's denn?

Frau X stellt sich vor. Meine Gesichtszüge entgleisen.

Bevor ich weitererzähle müssen wir kurz ein paar Wochen zurückspulen -- bis etwa Ende März. Da hatte ich einen Artikel zum Thema "Strategic Airlift" bei der NATO geschrieben.

Strategic Airlift beschreibt die Fähigkeit, Truppen und schweres Gerät schnell über grosse Entfernungen zu verfliegen, zum Beispiel nach Afghanistan. Die europäischen NATO-Staaten können das kaum, weil sie nur sehr wenige der teuren Großraumflugzeuge besitzen.

Wer mag, kann meine Story übrigens hier nachlesen. Benutzername: "story"; Passwort: mein Geburstag (im Format ttmmjjjj).

In meinem Artikel kamen verschiedene Leute zu Wort -- einige namentlich, andere anonym. Einer der Kernpunkte der Geschichte war, dass es im NATO Hauptquartier in Brüssel Bestrebungen gibt, die Fähigkeiten der Allianz im Bereich Strategic Airlift zu verbessern.

Wir spulen wieder vor. Frau X ist am Apparat.

Sie erzählt mir, dass sie Anwältin für Familienrecht ist -- Spezialgebiet Scheidungen. Ich gehe mit dem Telefon in der Hand zum Kleiderschrank der Gattin. Alles noch drin. Ich bin beruhigt.

Frau X will wissen, ob ich im Verlauf der Recherche für meine NATO-Geschichte mit einem Offizier gesprochen habe, dessen Aussage letztlich nicht in meiner Story gelandet ist. Ich verstehe nicht ganz, aber meine journalistischen Alarmglocken werden schriller. Ich teile ihr bestimmt mit, dass ich weder ihr oder sonst jemandem unter keinen Umständen erzählen werde, mit wem ich wann über was gesprochen habe.

Sie scheint zu verstehen.

Ich werde den Eindruck nicht los, dass Frau X mit etwas hinter dem Berg hält. Ich würde ihr gern helfen, sage ich ihr, aber sie muss mir erst klarmachen, was genau sie von mir will.

Die Dame druckst immer noch herum, und verweist ihrerseits auf ihre anwaltliche Schweigepflicht. Nach und nach bringe ich es fertig, Fragmente einer ungewöhnlichen Geschichte aus ihr herauszubekommen:

Frau X hat eine Klientin namens Gertrud [Name geändert, Anm. d. Red], die den Verdacht hegt, dass ihr Mann Hans-Günther [Name geändert, Anm. d. Red] sie betrügt. Vor allem die kurzfristigen Auslandsreisen mit teilweise monatelanger Dauer machen sie skeptisch. Hans-Günther sagt Gertrud immer, er sei hochrangiger Luftwaffen-Offizier im Pentagon, und solche Reisen gehörten nun einmal zu seinem Beruf. Manchmal sagt er Gertrud auch, er arbeite als Geheim-Agent für die CIA, und er könne ihr nicht immer erzählen, was er so alles treibt.

Hans-Günther, so scheint es, hat nicht mehr alle Tassen im Schrank.

Gertrud wird schließlich misstrauisch genug, dass sie eine investigative Anwältin einschaltet, nämlich Frau X. Selbige macht sich daran, Hans-Günthers neueste Geschichte auf Richtigkeit zu überprüfen.

Hans-Günther, so sagte er, musste vor ein paar Monaten auf eine seiner geheimnisumwitterten Reisen zu militärischen Zwecken. Als Beweis zeigt er seiner Frau später einen Nachrichten-Artikel, in dem es um NATO und Strategic Airlift geht.

Gertrude übergibt den Artikel an Frau X, welche die E-mail Adresse des Autors -- also meine -- ausfindig macht.

Sehr mysteriös. Ich bohre weiter, um zu erfahren was Gertrudes abspenstiger Gatte mit meiner Story wollte.

Hans-Günther hatte meinen Artikel, der zu der Zeit im Internet kursierte, gesehen und ihn Gertrud per E-mail geschickt -- als Alibi für sein Fortbleiben. Damit seine Ausrede aber richtig passt, hatte er sich kurzerhand selbst in die Story eingebaut. Als Brigade-General der Air Force kam er in seiner Version der Story nun mehrfach zu Wort, als einer der Drahtzieher hinter der Strategic Airlift-Initative in Brüssel.

"Deshalb will ich wissen, ob Sie diesen General kennen und mit ihm geredet habe," erklärt Frau X durch die Leitung.

Ich bin sprachlos.

Nach kurzem Überlegen verneine ich ihre Frage und verweise auf die Originalversion meines Artikels, in der Hans-Günther nicht vorkommt. Sie bedankt sich artig und wünscht mir noch einen schönen Tag.

Ich mache mich kopfschüttelnd auf den Weg ins Pentagon. Als zuständiger General der Air Force gebe ich gleich ein Briefing bei Rumsfeld. Thema: Strategic Airlift in der NATO.

Morgen fliege ich nach Brüssel.

Posted by Chefredaktion at 2:22 PM | Comments (1)

July 23, 2006

Gläsern, Käuflich, Preiswert

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist jeder käuflich. Dieser Herr kostet nicht mal 'nen Zehner.

Posted by Chefredaktion at 11:23 PM | Comments (0)

July 16, 2006

Im Heim, am Abend

Es ist wieder Sonntag abend. Ich hatte mir fest vorgenommen, heute eine extrem heiße Geschichte für morgen früh zu tippen, die mir ein Informant am späten Freitag nachmittag gesteckt hatte. Nach zwei Gläsern Wein pressiert es nicht mehr ganz so sehr.

Als die Gattin gegen Mittag vom Einkaufen zurückkommt, bringt sie Pizza-Teig und Tomatensauce mit. Mike und Theresa sind kurzfristig für sechs Uhr zum Abendessen eingeladen. Um viertel vor sechs habe ich die Überschrift und zwei Sätze fertig.

Ich schalte den Laptop aus und wende mich meinen Pflichten als Pizzabäcker zu.

Als glühender Verfechter der Philosophie des "Mis en place" stelle ich zuerst alle Zutaten bereit. Ein wenig frischer Thymian von den Zweigen gezusselt gibt den nötigen Schliff.

Mit etwas Kalifornischem Wein im Bauch lassen sich hervorragend Schnappschüsse mit der Digitalkamera anfertigen.

Nach dem Abzug der Gäste stelle ich den Wecker auf halb fünf morgens. Die Geschichte muss raus. Und zwar vor zehn.

Posted by Chefredaktion at 11:15 PM | Comments (0)

July 2, 2006

Konversation Killer

Die Gattin und ich sitzen heute nachmittag blinzelnd auf der Terasse unserer Lieblingskneipe "Mr. Henry's" und schauen teilnahmslos dabei zu, wie sich unser kühles Bier innerhalb weniger Sekunden auf gute 20 Grad erwaermt. Nach den tropischen Regenfällen der letzten Wochen hat eine Hitzewelle die Region Washington fest im Griff.

Bei großzuegigen 40 Grad und gut 50-prozentiger Luftfeuchtigkeit macht das Reden Mühe. Wir versuchen es trotzdem:

Ich: "Pfffffhhh"

Die Gattin: "Heh?"

Ich: ". . . "

Die Gattin: "Garrrrrrgh"

Ich: "Chchchchchoh"

Die Gattin: ". . ."

Posted by Chefredaktion at 4:56 PM | Comments (0)