Unser Gebets-Teppich: "Schau Jesus ins eine Weile ins Gesicht, und Du wirst seine Augen aufgehen sehen."
Neulich erreichte uns ein Brief, der unser Leben verändern sollte.
Eingangs zu der folgenden Episode sei gesagt, daß das Leben in der tief-gläubigen Neuen Welt einem säkularen Normal-Europäer wie uns mitunter etwas sonderlich anmutet. In Siegen, Deutschland, beten die wenigsten vor dem Essen bei McDonalds. In der Amerikanischen Hauptstadt ist das nicht anders. Unter der U.S.-Landbevölkerung jedoch sind innige Glaubensbekenntnisse vor dem Verzehr eines Triple-Hamburgers mit großer Pommes und Light-Cola durchaus keine Ausnahme.
Wie dem auch sei. "Live and let live," wie der Angelsachse sagt.
Auf dem Briefumschlag zeichnet eine gewisse "St. Matthew's Church" aus Tulsa, Oklahoma, für das Pamphlet verantwortlich. Im Addressfeld steht schlicht: Glaubens-Suchender, und unsere Adresse.
Kein Zweifel, das sind wir.
Mit fahrigen Fingern reißen wir die unverhoffte Postwurfsendung auf, und nehmen uns den Rest des Tages frei.
Das Anschreiben mit der liebevollen Anrede "Dear . . . Someone connected with this address" klärt uns darüber auf, daß uns in Kürze etwas wundervolles widerfährt. Wir blicken freudig auf unseren ungespülten Geschirr-Berg von gestern Abend. Aber so ohne weiteres sollte unser Wunder nicht passieren.
Wir lesen die folgende Zeile zweimal.
"God's holy blessing power is in the enclosed anointed prayer rug we are loaning you to use," steht da in maschineller Schreibschrift; zu Deutsch, "Gottes heiliger Segen ist in dem beiliegenden, gesalbten Gebets-Teppich, den wir Ihnen auf Leihbasis zum Gebrauch zur Verfügung stellen."
Welche Freude. Es passiert nicht alle Tage, daß einem derart heiliges Gebets-Werk auf Pump in den Briefkasten flattert. Aber Gebets-Teppich? Wo soll der bitte sein?
Aus dem Umschlag fingern wir einen weiteren, großen Zettel zu Tage. Darauf ist eine Zeichnung vom Antlitz des Allmächtigen, umrahmt von einem Muster, das entfernt an einen Perser-Teppich erinnert. Darunter steht: "Kirchen-Gebets-Teppich." Aha!
Wir lesen weiter.
Zur Benutzung des Teppichs, so weist uns der Brief an, "gehe in einen Raum in dem Du allein sein kannst (nur Gott und Du)."
Wir sind allein zu Hause -- alles klar, also.
"Mach den Fernseher und das Radio aus und versuche, ganz allein zu sein, wenn Du auf diesem Heilig-Geist-Bibel-Gebets-Teppich niederkniest." Niederknien? Seufzend graben wir unsere Kniescheiben in das gesalbte Papier. Es knittert.
Wir lesen weiter.
"Wenn Du Dir mehr Freude, Frieden, Gesundheit, Geld, eine neues Auto, eine neues Haus, oder Familienfrieden wünschst, dann bete jetzt dafür (bitte Checkliste auf Seite zwei verwenden.)"
Checkliste? Wir sind nur ein bischen überrascht. Warum auch nicht? Wir drehen den Schrieb um.
In der Tat, dort steht eine Liste mit Kästchen zum Abhaken von Dingen für die man betet. Wir greifen zum Stift und fangen an.
"Für meine Seele", steht da zuallererst. Ein Kreuzchen dort kann sicher nicht schaden. Bei "Gesundheit" auch nicht. Wir überfliegen die weiteren Wünsche. "Ein neuer Job?" Warum nicht? "Ein neues Haus?" Aber sicher. "Neues Auto?" Zweifellos. "Einen Geldsegen?" Auf einer gestrichelte Linie neben dem Kästchen kann man eine Summe eintragen.
Wir bleiben bescheiden und entscheiden uns nach kurzem Nachdenken für eine eins mit acht Nullen.
Die nächsten 24 Stunden sind von äußerster Wichtigkeit, steht in dem Brief weiter, denn "Timing ist Gott sehr wichtig." Wir werden angewiesen, den Gebets-Teppich nun in eine Bibel zu legen, an der Stelle Philipper 4:19. "Wenn Du keine Bibel hast, ist auch OK. Lege den Teppich einfach für heute Nacht unter Dein Bett. Wenn das nicht geht, ist auch OK."
Morgen früh sollen wir den Teppich dann mitsamt der Liste zurückschicken. Und, wenn's geht, eine Spende beifügen.
Wir werden weiter berichten, was uns widerfährt. Müssen jetzt erst spülen.
Ist auch OK.
Seit die Debatte um die Mohammed-Karikaturen losging, haben wir die Bilder selbst noch nicht gesehen. Wem es ähnlich geht, hier gibt es die Dinger im Internet anzuschauen.
Redaktionstagebuch, die zweite -- Die letzte Woche vor der U.S. Haushaltsvorstellung am 6. Februar geht zu Ende, und Eure Morgenpost-Redaktion fasst wieder ein paar Themen zusammen, die kürzlich über unseren Schreibtisch liefen.
Das U.S. Verteidigungsministerium produziert jährlich eine Flut von "Roadmaps", zu deutsch "Straßenkarten", die politische Richtungen und Investment-Strategien zu allerlei Sachgebieten vorgeben. Beispiel: Im letzten Sommer gab es die Unmanned Aerial Vehicles Roadmap, die sich unbemannten Drohnen widmete.
Interessanter sind allerdings die sogenannten "Transformation" Roadmaps, in denen die drei Teil-Streitkräfte Army, Navy und Air Force niederschreiben, wie sie sich an die zukünftigen geo-politischen Sicherheitslage anzupassen gedenken. Für uns Reporter sind diese Dokumente höchst interessant, da dort wichtige Trends und Richtungs-Änderungen in der Sicherheitspolitik abzulesen sind.
Nach einem Jahr Pause haben sich die Militärs letzten Monat wieder hingesetzt um die Transformation Roadmaps bis zum Abgabetermin am 1. Juli fertigzustellen.
A propos Transformation: Die einflussreichen Rumsfeld-Berater des Defense Science Board haben kürzlich eine Studie fertiggestellt, die genau das untersucht -- und zwar im gesamten Verteidigungs-Establishment. Unter dem etwas schwammigen Begriff Transformation versteht man in Pentagon-Kreisen das ständige sich Anpassen und Modernisieren an die aktuelle und künftige Welt-Sicherheitslage. Fazit des DSB: So weit alles paletti; im Pentagon wird recht erfolgreich transformiert. Einzig das Thema "Business Transformation", also die Modernisierung des Audit- und Buchhaltungsapparates der Riesenbehörde liegt noch im argen. Im Pentagon verschwinden wegen der unüberschaubaren Finanzbürokratie jedes Jahr Milliarden. Nicht, das die jemand stiehlt (aber wer weiss ), sondern die sind am Jahresende einfach weg.
Anderes Thema: Das U.S. Strategic Command in Nebraska hat die Kontrolle über Amerika's strategische Atomwaffen. Anfang letzen Jahres hat Rumsfeld dem Kommando auch die Verantwortung für die Bekämpfung von Massenvernichtungswaffen gegeben, eine der Top-Prioritäten der Regierung Bush. Dem Auftrag folgend hat STRATCOM-Chef Marine Corps Gen. James Cartwright letzte Woche feierlich das "Center for Combating Weapons of Mass Destruction" auf dem Gelände der Defense Threat Reduction Agency (DTRA) in Fort Belvoir, VA, eröffnet. Große Schere, rotes Band -- Schnipp-Schnapp, Waffen ab. Oder so ähnlich.
Zum Thema DTRA bringt der Spiegel-online heute eine Reuters-Meldung mit Bezug auf die New York Times über eine neue Eingreiftruppe für Atomanschläge. Da heisst es:
Die Einheit habe bereits im vergangenen Jahr ihre Arbeit aufgenommen, zitierte die "New York Times" den Leiter des Projects Defense Threat Reduction Agency, Michael K. Evenson.
Projects Defense Threat Reduction Agency? Falsch abgeschrieben, hiess das früher in der Schule.