Das Pentagon, auf der anderen Seite des Potomac River und damit im Bundesstaat Virginia, ist fuer die Sicherheit zustaendig. Die Washingtoner Linken und Intellektuellen haben naturgemaess ein gespaltenes Verhaeltnis zu dem fuenfeckigen Bau. Aus gut unterrichteten Kreisen berichtete Chris - ein Freund von mir, der im Irak-Zentrum in D.C. arbeitet und versucht, einen Krieg zu verhindern - eine Geschichte zur juengeren Vergangenheit des Pentagon:
Die Militaers haetten eines Tages in einer Nacht-und-Nebel Aktion die Bodenplatte des Gebaeudes herausgesprengt und an ihrer statt ein endlos tiefes Loch gegraben. Im diesem bodenlosen Grab, so wird vermutet, versinkt dann Jahr fuer Jahr der Militaerhaushalt auf Nimmerwiedersehen. Und das beste ist, so mutmassen die Spekulationen weiter, es gibt schon lange keine Leute mehr, die wirklich im Pentagon fuer die Landesverteidigung taetig sind. Und auch keine Militaers. Die haben sich alle selbst abgeschafft. Denn zu arbeiten brauchen brauchen sie ja nicht mehr. Aber wie gesagt: Alles Spekulation.
Chris erzaehlte mir noch eine andere, wahre Geschichte. Als wir auf dem Weg vom Flughafen in unmittelbarer Naehe am Pentagon vorbeifuhren und wir beim Anblick eines Militaer-Jeeps auf dem ein riesiges Maschinengewehr montiert war, die Sicherheitsvorkehrungen in Washinton diskutierten, berichtete er mir folgendes:
1989, Friedensdemo am Pentagon. Einzelne Demonstranten werden von den wachhabenden Militaers von einem bestimmten Grasstueck an der Ostseite des Gebaeudes ferngehalten. Auf ihre Frage warum, geben die Soldaten Auskunft, darunter befinde sich ein Raketensilo mit Anti-Air-Missiles. Wofuer die gebraucht wuerden, wollen die beteiligten Demonstranten wissen. "Damit", so ein knorriger Sergeant, "nicht eines Tages ein Verrueckter ein Flugzeug in das Gebaeude steuert."
Das amerikanische "Thanksgiving" naht. Genauer gesagt ist es morgen. Grund genug, meine geneigte Leserschaft über ein grundlegendes Missverständnis dieses Feiertages aufzuklären. (Diejenigen Besserwisser, denen die folgende Geschichte bereits geläufig ist, mögen mir verzeihen.) Thanksgiving hat mit unserem "Erntedankfest" nicht das geringste zu tun. In Wahrheit verhielt es sich so:
Englische Pilger überquerten um 1620 mit der Mayflower den Atlantik und erreichten schließlich das heutige Plymouth im heuten Massachusetts. Das Land das sie vorfanden war kahl und der Winter stand vor der Tür. Unglücklicherweise wuchs von den Sachen, die sie in Windeseile anzubauen versuchten, so ziemlich nichts. Unter anderem weil das Jahr für die Aussaat schon viel zu weit fortgeschritten war und weil das Land, das sie vorfanden, kahl war. Den folgenden Winter überlebten gerade einmal die Hälfte der Mayflower-Fahrer, denn die Vorräte gingen aus. Unter anderem, weil das Land, das sie vorfanden für die Landwirtschaft schlichtweg zu kahl war (hatte ich das schon erwähnt?). Amerikanische Ureinwohner fanden schließlich die britischen Gringos und retteten Ihnen das Leben, indem sie ihnen zeigten, wie sie das Land - ein überaus kahles Land - beackern konnten. Und um diese völkerverständige Maßnahme zu ehren, wurde daraus flugs der Feiertag "Thanksgiving" gemacht. Später haben die Einwanderer die Ureinwohner dann bekanntlich kurzerhand ausgerottet.
Der Flug nach D.C. ist leer. Ich wüde schätzen, dass nicht einmal die Hälfte der Plätze in der Holzklasse belegt ist. Auch neben mir der Platz ist freigeblieben. Sehr angenehm. Im Augenblick fliegen wir über Neufundland die kanadische Ostküste entlang nach Süden. Zum X-ten Male schaue ich auf die elektronische Positionskarte in den berüchtigten Blau-, Grün- und Ockertönen und frage mich, ob die Zeit hier oben langsamer vergeht. Immer noch liegen 2,5 Stunden Motorenrauschen, gedämpfte Stimmen, Babyquietschen und aus-dem-Fenster- starren vor mir. Wobei letzteres sicher keine unattraktive Beschäftigung darstellt, wenn man Wolken liebt. Ich selbst bin den weißen Dingern durchaus nicht abgeneigt, doch mit den Stunden ist meine Liebe verdampft. Ja ja, wie Watte sehen sie aus. Als könne man hineinfallen wie in Bett und sich in einer himmlischen Kissenschlacht ergehen. Die Wahrheit ist: Wer hier raus springt, saust durch sie hindurch und schlägt in kanadischer Tundra auf, nicht ohne einen Fleck von mehreren Dutzend Quadratmetern zu hinterlassen. So Kinder, jetzt wisst Ihr es.
Die Menschen, die mich kennen wissen, dass ich für gewöhnlich - kulinarisch gesehen - um drei Dinge einen großen Bogen mache. Eins davon sind Tomaten. Jedoch, Flug für Flug ist es mir ein zutiefst heiliges Ritual nach dem Start eine Dose eben jenes widerwärtigen Gemüses in Saftform zu mir zu nehmen. Und wie immer hat es mir gut geschmeckt. Das verstehe einer.
Noch 2:14 Stunden. New York State erscheint auf der ominösen Karte. Ich ziehe mir noch eine Folge Simpsons auf meinem Laptop rein...
Ich bin drin. Die Formalitäten am Zoll verlaufen weitaus reibungsloser als ich mir das vorgestellt hatte. Während die Sicherheitsleute in Düsseldorf mein Visum ein halbes Dutzend mal prüften, sich im Plenum berieten und die Köpfe konspirativ zusammensteckten und mich dabei verstohlen über die Schulter ansahen ... Nun, ich übertreibe wohl ein wenig. Aber die Schuhe ausziehen musste ich. Versprochen.
Ein Präsident ist für gewöhnlich ein Mann des öffentlichen Interesses und kann sich im Blickpunkt der Kameras nicht alles erlauben. Vor allem kann er sich die Sachen nicht erlauben, die in irgendeiner Form an seinem Charakter, seiner Redlichkeit und vor allem seiner Männlichkeit zweifeln lassen könnten. Ohne Frage ist erst des Präsidenten Gemächt seit dem aus dem Amt geschiedenen William Jefferson Clinton, genannt "Slick Willie", in die Schlagzeilen geraten und hat damit die Notwendigkeit eines grossen, makellosen Präsidentenpimmels unterstrichen. Kaltes Wasser würde dem ganz sicher schaden. Und damit es unter der präsidialen Dusche selbst im Falle eines Stromausfalles, der die ganze Stadt in Dunkel taucht, zu keiner genitalen Verformungen kommen kann, verfügt das gesamte Politische Viertel nebst White House über ein eigenes schnuckeliges Kraftwerk.
Ein Kohlekraftwerk, so sei hinzugefügt. Ein altes dreckiges Kohlekraftwerk.
Arnold Woldwide, die Agentur wo ich also arbeiten werden, liegt im Stadtteil McLean im Staat Virginia. Das liegt westlich von D.C. im County Fairfax, für alle die es genau wissen wollen. Seit dem eingangs erwähnten 20. September und dem 2. Dezember, meinem kommenden ersten Arbeitstag, liegt eine gefählsmäßge Achterbahn, deren Fahrt mich einige Nerven gekostet und meinen internen Sarkasmus-Pegel ungefähr verdoppelt hat.
Zuerst war die Achterbahn oben. Namlich dann, als ich nach meinem Vorstellungsgespräch an jenem heißen Tag im September das Gebäude durch die messingbeschlagene und mosaikverzierte Eingangshalle verließ. Ich weiss nicht mehr, wie oft ich mich anschließend gekniffen habe, um sicherzugehen, dass die Personalchefin wirklich gerade gesagt hatte "OK Sebastian, we would like to offer you a position, then". Relativ ziellos wanderte ich anschließend lange durch die Straßen und genoss meinen Gemütszustand aus Traum und Freude. Mein hellblaues Hemd war durchgeschwitzt und dunkel, meine Krawatte hing lose und zerknittert um meinen schweißnassen Hals, meine Haare waren vom vielen Durchfahren und Seufzen völlig aus der prä-vorstellungsgesprächigen Ordnung geraten, in die ich sie wenige Stunden zuvor noch gebracht hatte. Es war mir alles egal. Ich stand vor dem Gebäude, betrachtete das riesige rot-graue Firmenschild und gratulierte mir still.
Washington an sich ist buchstäblich auf Sumpf gebaut. Auch politisch gesehen, wie böse Zungen behaupten. Die Washingtoner - oder Washingtonians, wie man englisch sagen würde - tragen's mit Fassung. Denn bei allen Korruptionsaffären und politischen Intrigen sind sie mächtig stolz auf Ihre Haupstadt. Hier wohnt der Präsident, das Parlament tagt hier, die Beamten vom FBI verfolgen Verbrecher, Lobbyisten bevölkern die Cafes, die Redskins spielen Football, die Washington Post wird verlegt, die Metro rast durch ihre unterirdischen Schächte, Automassen quälen sich auf dem Capital Beltway (dem Autobahnring um die Stadt) morgens in die Stadt hinein und abends wieder heraus, CNN berichtet live, die Reichen verbessern in Georgetown ihr Handicap, und in Chinatown werden die Hunde eingefangen.
Zwischen den Sehenswürdigkeiten und Museen drängeln sich täglich hunderttausende Touristen, und beinahe genausoviele Getränkeverkäufer, Spendensammler, Exzentriker und Abzocker jedweder Art. Die erstgenannten, die Getränkeverkäufer, sind übrigens im Straßenbild von DC ein existentiell wichtiger Bestandteil. Spätenstens nach einer sommerlichen Stunde auf der schwül-heißen "Mall", dem großen grasbewachsenen Verbindungsstreifen zwischen Kapitol und Wahington Monument, lösen sich alle Wucher-Bezichtigungen gegen die fahrenden Händler in entsetzlichen Durst auf.
Gut, nun soll sie also am 26. November tatsächlich losgehen, meine Reise in die Hauptstadt der USA. Arbeiten werde ich dort als Trainee bei der Werbeagentur Arnold Worldwide. Ich erinnere mich noch genau an den 20. Sep. Das war der Tag, an dem ich mich im Büro der Personalchefin hinsetzte und meine Nervosität langsam einer gewissen Ruhe Platz machte. Wir haben an dem Tag einfach einen angenehmen "Schnack" geführt - so gar nicht wie man sich ein Vorstellungsgespräch gemeinhin vorstellt. So kam es mir jedenfalls vor. Wir sprachen über Werbung und Werbewirkung, kulturelle Aspekte derselben und auch ein wenig über Politik. Man kann nämlich in Washington gar nicht NICHT über Politik reden.