September 10, 2004
Wo alle Kinder Flügel haben
Das Leben schreibt manchmal komische Geschichten. Der Auteur meines bescheidenen Daseins tut das nun schon seit geraumer Zeit. Und seit er auf Englisch umgestellt hat, hat er sozusagen die literarische Schlagzahl erhöht; schreibt viel neues, manches gut, manches eher grotesk. Heute fragte mich jemand, warum ich mir ausgerechnet Washington DC als neue Heimat ausgesucht habe: “Man, this town is tough. If you want to start a life here, it’s just really tough. It’s brutal.” Ich nickte wissend und nippte an meinem Kaffee. Schwarz, ohne Zucker. Bin schliesslich tough.
Mein Gesprächspartner, der übrigens Ivan heißt, interessiert sich vor allem für mein Klavierspiel. Er rekrutiert Klavierlehrer für eine Musikschule. Da führt man dann zu den Kunden nach Hause und bringt den Kids was über die schwarzen und weissen Tasten bei. Ganz getreu Amerikanischer Mord- und Bedrohungshysterie kommen mir Bilder von Klavierlehrern in den Sinn, die die Eltern eines vermeintlichen Schülers sauber in kleine Tütchen abgepackt im Gefrierschrank aufbewahren. Ivan beruhigt mich. “Alle unserer Kunden sind ganz normale Leute. Viele Diplomaten, einige Senatoren. Da haben die Kids mit sechs Jahren schon ausgewachsene Konzertflügel.” Puh!
Wir fachsimpeln ein wenig über Chopin’s Preludes und den didaktischen Wert Bach’scher Polyphonie für Schüler mittleren Könnens. Ivan scheint mich zu mögen. Schliesslich drückt er mir einen Vertrag in die Hand und sagt, ich solle mich später wieder melden. Ich sage ihm, dass ich’s mir überlegen werde und verabschiede mich. In meiner Home Base
für solche Entscheidungsfindungen, dem Cafe Murky Coffee, studiere ich den Kontrakt und nippe an einer weiteren Tasse Kaffee. Diesmal mit Milch und Zucker. Für heute reicht’s mit tough.