July 13, 2004
Ein ungleiches Paar
Vor ein paar Monaten ist er noch mit einem M16-Gewehr durch die Strassen von Bagdad und Falludscha patroulliert. Ein paar seiner Soldaten sind dabei ums Leben gekommen, er selbst hat die Tour unbeschadet ueberstanden. Heute, zwei Schreibtische von mir weg, sitzt Captain P. und gibt Zahlenkolonnen in einen Computer ein.
Captain P. tut das gleiche wie ich: die Suche nach einem permanenten Job versuesst er sich mit einem mehr oder weniger stupiden Buerojob. Bis zum April war er mit seiner leichten Infanterie-Einheit in Bagdad stationiert. Anschliessend war er als Security-Contractor, also privater Wachmann, fuer die Sicherheit einer Operation zur Wiederherstellung des irakischen Elektrizitaetsnetzwerkes eingeteilt. “Das gibt gutes Geld”’, erzaehlt er mir. “Pro Monat koennen sich die Security Contractors etwa 18-25 Tausend Dollar in die Tasche stecken.” Er selbst bekam allerdings nur 13. Als er Wind davon bekam, wo das Durchschnittsgehalt wirklich liegt, forderte er eine Gehaltserhoehung. Er bekam kein, und reiste prompt wieder in die Heimat.
Ich will wissen, wann er sich sicherer gefuehlt hat: Als Soldat oder als Contractor? “Als Contractor”, antwortet er. “Dann kann man ich wenigstens so anziehen, dass man nicht gleich auffaellt.” “Ausserdem”, grinst er, “kannst Du als Contractor mit 180 Sachen (kmH) ueber die Strassen fahren und bist schwerer zu treffen.” Soldaten haben dieses Privileg nicht. Bei einer Operation zur Aufspuerung von Minen und Sprengkoerpern am Strassenrand sind einmal drei Franzosen unter seinem Kommando erschossen worden. “Franzosen?”, frage ich nach. “Ja”, sagt er. “Das waren ganz komische Gestalten, ich glaube Fremdenlegionaere. Die waren auf einmal einfach da.” Die drei waren sorglos aus ihrem Fahrzeug gestiegen, um eine Mine zu entschaerfen, da fuhr ein Kleinbus vor und streckte sie mit Maschinengewehrfeuer nieder. “So kann’s gehen”, sagt P. “If you don’t pay attention, you’re getting killed”. Das “getting killed” sagt er so, als wenn man sich nicht warm genug anzieht, und einen Schnupfen bekommt.
Mitleid hat er vor allem mit jungen Rekruten, die ihm die Armee schickt. “Die sollten Maedels hinterherlaufen, und nicht diesen Krieg kaempfen.” Er selbst ist jetzt reif fuer etwas stabileres. Nach Touren in Afghanistan und im Irak sucht er nun einen “nine to five” job. “Haeusschen kaufen, Kinder kriegen”, so stellt er sich sei naehere Zukunft vor. Seine Militaererfahrung moechte er nun bei der DEA, der amerikanischen Drogenbekaempfungs-Polizei, zum Einsatz bringen. Gerade wartet er auf seine Klassifizierung zur Geheimhaltungsstufe Top Secret. Dann hofft er auf einen Job als Drogenfahnder in den Suempfen von Florida (“Die Everglades sind ein Riesen-Umschlagsplatz”). Oder aber, sagt er, ich melde mich als Aufklaerungs-Spezialist fuer die Vorbereitung eines eventuellen Einsatzes im Sued-Sudan.
Doch im Grunde sei er ein “Play-it-safe kind of guy”, also einer der’s lieber gemuetlich mag. Ich muss lachen und frage, was seine Freundin tut, wenn er auf Tour ist. Die studiert als angehende Professorin. In franzoesischer Literatur.
Posted by Chefredaktion at July 13, 2004 2:03 PM