March 30, 2004
In den Sitzen, die die Welt bedeuten
Schon der alte Konfuzius wusste, dass das Spiegelbild einer Stadt unter der Erde liegt. Genauer gesagt: In den endlosen Windungen städtischer Ubahn-Schächte und derer, die sie in orangenen Kunstledersitzen frequentieren. Zugegeben, Konfuzius hat das nicht gesagt. Sondern wir sagen das.
Washington’s Ubahn-System heisst so, wie in vielen anderen Städten der Welt auch: Metro. Und es ist das beste der USA. Punkt. In Ermangelung eines Kraftfahrzeuges kommt uns dieser Umstand auesserst gelegen. Eine Wochenkarte gibt es für zwanzig Dollar käuflich zu erwerben, was wir mit hübscher Regelmässigkeit jede Woche tun. Dieses Ticket ist dann nicht nur Fahrschein für flinke, unterirdische Personenbeförderung in der Hauptstadt, sondern gleichzeitig Eintrittskarte für Theater, Akrobatik, Oper oder Geisterbahn. Alles in besagten organgefarbenen Kunstledersitzen, Essen und Trinken nicht erlaubt, und - neuerdings - immer öfter in Begleitung von sonnenbebrillten Metro-Polizisten, die nach verlassenen Taschen und Koffern Ausschau halten.
Neulich sass ich wieder im Theater und wartete gespannt auf die nächste Vorstellung. Sie liess nicht lange auf sich warten, und gesellte sich in Gestalt der Hauptdarstellering - einer kleinen Dame mittleren Alters - als meine Sitznachbarin zu mir. Sie schickte sich an - so stellte sich schnell heraus - eine Grotesque a la bonheur aufzuführen. Und gemäss dem Prinzip, dass begnadete Schauspieler mit einem Minumum an Kostumerie und Requisiten zu brillieren in der Lage sind, bediente sich eines einzigen Hilfsmittels: der gemeinen Warzenfeile.
Die wird doch jetzt wohl nicht …
Horst Konfuzius
Aus ihrer Handtasche förderte sie so ein Ding zutage, welches sie offenbar soeben in der Oberwelt erstanden hatte. Mit einer Netto-Schleiffläche etwa von der Grösse einer Tempo-Packung, gummiertem Stiel mit Griff, und doppelseitiger Mahl-Action; eine Seite für’s feine Raspeln und die andere - na ja - für’s grobe Schaben. Ich schüttelte ungläubig den Kopf und dachte mir: Die wird doch jetzt wohl nicht … Aber sie tat. Ritsch-Ratsch. Immer wieder.
Ich sah aus dem Fenster. Nicht, dass es da ausser vorbeirauschender Dunkelheit etwas zu sehen gegeben hätte. Doch der Anblick des Schaupspiels war selbst mir erfahrenem Theatergänger zu - nun, sagen wir - avantgardistisch. Jetzt denke ich, es wäre besser gewesen, hinzusehen. Denn wie so oft war das Erahnen, das Sich-Ausmalen vermutlich weitaus schlimmer als der tatsächliche, kosmetische Eingriff. Vor allem wegen der Akustik. Ich weiss nicht welches dermatologische Übel die Dame plagte. Doch allein der Klang der Reibe liess mich zu dem Schluss kommen, dass es sich dabei um ein Objekt nicht unbeträchtlicher Grösse, und vor allem, Härte handelte. Sollte ich den Ton beschreiben, würde ich sagen, es klang ein wenig wie, als versuche man, mit der Küchenreibe ein Stück Holz streufertig zu raspeln.
Mit Holz klappt das natürlich nicht, wohl aber mit dem, was die Frau da an ihrem Daumen loszuwerden suchte. Vor allem wenn man ausdauernd ist. Nach zehnminütigem ununterbrochenem Ritsch-Ratsch hatte sie das Objekt auf eine gelb-weisse Staubschicht auf den Reibflächen ihres Instruments reduziert. Und so plötzlich, wie ihre Posse begonnen hatte, endete sie auch. An ihrer Haltestelle stand sie auf, reinigte ihr Arbeitsgerät mit berherztem Pusten, und ging unter dem tösenden Applaus der Scheibenbremsen von der Bühne.
Ich starrt eine Weile ungläubig auf den Staub der sich an ihrer statt in dem orangefarbenen Kunstleder meines Nachbarsitzes niederzulassen anschickte, und kämpfte gegen den Würgreiz.
Und das Spiegelbild der Stadt? Ach ja. In Washington werden schmutzige Geschäfte unter der Erde erledigt
. Oder so ähnlich.