February 10, 2004

Die Kunst des Ubahn-Origami

zeitung

Washington Post oder New York Times - echte News-Junkies lesen ihr Lieblingsblatt auch unter widrigen Umständen.

Obwohl ich nun seit über einem Jahr in Washington DC lebe, bin ich in einer Sache noch keineswegs perfekt: dem Ubahn-Origami. Ubahn-Origami ist die jahrtausende alte Kunst, eine Zeitung auf dem engsten aller Räume zu lesen, nämlich in der Ubahn zur Rush-Hour. Die alten Chinesen, die diese Kunst erfanden (damals hiess das vermutlich noch Rikscha-Origami) hätten sich wohl nie träumen lassen, zu welchen Origamistischen Höhenflügen besonders eingequetschte Leser im einundzwanzigsten Jahrhundert fähig sind. Besonders hier in Amerika, im Land des XXL, haben sich wahre Gurus entwickelt, bei denen ich mir bereits den ein oder anderen Trick abgekuckt habe.

Die wichtigste Grundtechnik ist das “halbierte Schnappschlagen, sitzend, mit Nebenmann im Mittelgewicht”. Dabei wird die Zeitung mit einer schnappenden Handbewegung entlang der vertikalen Mittelfalte nach hinten umgeknickt. Etwaige Unsauberkeiten in dem resultierenden Halbfalz werden in der gleichen Bewegung simultan von hinten ausgeschlagen. Diese Technik wird vor allem angwendet, wenn der Sitznachbar (oder die Sitznachbarin) in der Ubahn von von normaler Statur ist. Die Seiten werden anschliessend mit Wiederholung der Technik umgeblättert, wobei dann oftmals die Schlagbewegung nicht mehr vollführt werden muss, da das Papier sich an den strengen Mittelfalz gewöhnt hat.
Diese Technik beherrsche ich mittlerweile sehr gut, und sie befähigt zu hohem Lesegenuss in nahezu optimalen Bedingungen.

Leider sind die Bedingungen selten optimal.

Deshalb hat sich eine weitere Technik entwickelt, die verschärften Platzrestriktionen Rechnung trägt. Sie basiert auf der oben beschriebenen Grundtechnik des halbierten Schnappschlagens und heisst bei uns Origami-Adepten “Einhändiges Vierteln mit geblättertem Freiblasen der Atemwege”. Neulich erst musste ich diese Technik anwenden. Ein sehr übergewichtiger Herr setzte sich auf meinen Schoss, und ich musste vom Halbschlag aufs Vierteln umsteigen. “En surprise”, kam bei bei mir noch erschwerdend hinzu, denn der Fettsack näherte sich von hinten und liess mir keine Zeit für Vorbereitung bevor er sich röchelnd neben mir nieder liess.
So faltete ich also mit Mittel- und Zeigefinger kurz oberhalb meiner Zielüberschrift die halbe Zeitung und und verstärkte dabei simultan mit Daumen und kleinem Finger die entstehende Falz. Da der Dicke neben mir mit seiner Masse die Luft auf meinen Lungen presste, sog ich schnell möglichst viel Sauerstoff ein, wissend, dass mir nur die Unruhe des nächsten Umblätterns einige wertvolle Sekunden zum erneuten Luftholen gewähren würde.
Ich litt, aber ich ich las.

Im Moment übe ich an der Königsfigur des Ubahn-Origami, dem “blinden, halbgestreiften Wanst-Falter; stehend”. Das ist die Lösung fürs Grobe. In einer vollen Ubahn ohne Sitzplatz und mit Dicken von allen Seiten ist sie oft der letzte Ausweg für den täglichen Nachrichten-Genuss. Dabei wird einhändig und unter Zuhilfenahme eines benachbarten Leibes die Zeitung auf halbe Spaltengrösse geknickt. Die grösste Schwierigkeit nun besteht darin, dass ganze blind hinzubekommen, da man den Kopf nicht drehen und hinschauen kann. Ist alles in Form geknickt, wird der Zeitungsstreifen auf einer vorher wohlgeplanten Route nach oben gedrückt und in Augenhöhe positioniert.

Letzte Woche gelang es mir, diese Technik erstmalig zur Anwendung zu bringen. Schweissgebadet aber triumphierend stand ich so im Zug und las genüsslich die vier halben Zeilen eines Artikels über das Steuersystem von Nebraska, die noch lesbar waren.

Ich fuhr vierzehn Stationen zu weit. Aber für uns Ubahn-Origamisten ist das Kleinkram.

Posted by Chefredaktion at February 10, 2004 12:18 PM
Comments

Sehr amüsant!

Posted by: Benny on February 12, 2004 8:55 AM
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