February 2, 2004

Houston, wir haben ein Problem

Was müssen die Fernseh-Produzenten von CBS während der gestrigen Super-Bowl Übertragung geschwitzt haben. Während die politischen Fronten lange vorher klar waren (dazu später mehr), hatten sie immer noch mit allerlei unvorhersehbarer nackter Haut zu kämpfen. Dabei haben sie doch eigentlich nur Gutes im Sinn: die Amerikanische Öffentlichkeit vor unzüchtigen Entgleisungen zur besten Sendezeit zu bewahren. Gelungen ist ihnen das ganz gut: politisch wie nackig.

Zum Super-Bowl setzen die US-Medien immer nochmal einen drauf, was Theatralik angeht. Wenn man glaubt, die Spitze des Schmalzes ist erreicht, dann strafen einen die Emcees solcherart Grossereignisse immer wieder Lügen. In diesem Falle zum Beispiel mit Hilfe der NASA. Die hatte einen prominenten Platz in der Eröffnungsfeier bekommen. Vermutlich weil der diesjährige Austragungsort Houston über einen bekannten Weltraumbahhof verfügt, und bestimmt weil Raumfahrt gerade in ist, tatsächlich aber um der Raumfahrer der im letzten Jahr verunglückten Fähre Columbia zu gedenken. Da spaziert ein Astronaut im Vollharnisch über eine Mondoberfläche aus Plastik und schwingt das Star Spangled Banner, während ein Jüngling mit Schal irgend etwas von You lift me up trällert. Das geht ans Herz. Und ist völlig jugendfrei.
Als nächstes erklimmt die aus Houston stammende Sängerin Beyoncé Knowles die Bühne und eröffnet auch den sportlichen Teil des Spektakels standesgemäss mit der Nationalhymne. Frau Knowles, so muss man wissen, singt für gewöhnlich am liebsten fast nackig und schwingt auf MTV ihre Möpse von DC bis Unna. Gestern jedoch trat sie für ihre Hymne ganz züchtig im Kostümchen auf. Löblich, dachten sich vermutlich die CBS-Leute.
Möpse gabs dann aber später trotzdem zu sehen. Oder besser gesagt, einen. Am Ende einer Tanzeinlage der Halbzeitshow entblättert Justin Timberlake das rechte Exemplar seiner Sangeskollegin Janet Jackson. Sofort geht das Licht aus. Das ganze sieht wie ein Unfall aus, riecht aber verdächtig nach Planung. Wie dem auch sei, CBS is not amused über die Überraschung.

Denn sie hatten sich Mühe gegeben beim Nicht-Zeigen. Den Flitzer, der vor Beginn des dritten Viertels an der 30 yard-Markierung ein Tänzchen hinlegt, hatte die Live-Kamera gerade eine zehntausendstel Sekunde im linken Bildteil eingefangen, da blickt sie auch schon verschämt in eine andere Richtung. Statt dessen zeigt der Sender während der johlenden Jagd auf den Nackedei einzelne Spieler in Nahaufnahme, oder gleich das Stadion aus der Vogelperspektive mit überblendeter Statistik-Tabelle.

Die grösste Zensur jedoch erlebte ein Werbespot aus der Rubrik “30 Sekunden gegen Bush”. Diese Filmchen hatte die liberale Website “moveon.org” im vergangegen Jahr ins Leben gerufen. Hier konnten Hobbyfilmer aus dem ganzen Land ihrem Ärger über W in dreissig Sekunden Luft machen. Unter allen Einsendungen wurde der beste Spot von einer Jury (unter anderem mit dem Filmemacher Michael Moore) und Besuchern der website ausgewählt. Der Gewinner sollte dann zur Halbzeitpause des Super-Bowl gezeigt werden. Wurde er aber nicht; CBS sagte nein.

CNN und andere Sender jedoch sagten ja und zeigten den Spot genau getimt während der Pause in Houston. So schalteten Amber, Theresa, Mike und ich bei unserem kleinen Pizza/Bier/Super-Bowl Stelldichein gestern abend flugs um und sahen den politischen Flitzer, den CBS uns nicht zeigen wollte: einen nüchternen, ernsten Spot, der durch seine Schlichtheit entwaffnet.
Genau das Gegenteil des Super-Bowls eben.

Posted by Chefredaktion at February 2, 2004 12:16 PM
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