January 10, 2003
Konsumdiktat und Prozesslawine
Der Rewe-Markt an der Dortmunder Moellerbruecke ist mir wohl vertraut. Samstag mittags trete ich oft den Weg dahin an um meine Vorraete aufzustocken. Im Eingangsbereich des Hauses, unmittelbar nach dem Drehkreuz, kaufe ich ueblicherweise meine Moehren, Blumenkohl und Gurken, sowie ein halbes Dutzend Braeburn Aepfel und einen Bund Weintrauben. Einige Meter weiter greife ich im Vorbeigehen ein Vollkornbrot und eine Packung Cornflakes oder Muesli. Weiter hinten im Supermarkt erstehe ich ein Stueck Gorgonzola, und an der Kuehltheke gegenueber packe ich eine handvoll Joughurts und Milch in den Wagen. So weit so gut.
Dass der Anordnung der Waren eine veritable Wissenschaft innewohnt, weiss ich. Und ich spiele das Spiel bereitwillig mit. Schliesslich ist man ein Gewohnheitstier. Ausserdem bleibt mir nichts anderes uebrig.
Um so schwieriger finde ich mich in meinem lokalen Supermarkt hier in Washington zurecht. Zum Ensetzen meines mitteleuropaeischen Supermarkt-Empfindens entbehrt die Ordnung dort scheinbar jeder Gesetzmaessigkeit. Scheinbar, denn wie ich beim letzten Besuch herausgefunden habe klaeren Schilder ueber den Gaengen die Einkaeufer darueber auf, was sie in den entsprechenden Regalen finden. Allerdings, und hier meldet sich der Soziologe in mir zu Wort, sind die Gueter nach Mahlzeiten geordnet. Es gibt also einen Gang “Breakfast”, einen “Lunch”, einen “Dinner” und was sich die Marketing-Strategen sonst noch fuer Konsumanlaesse fuer die Gaenge ausgedacht haben.
Was auf den ersten Blick jedoch als eine harmlose funktionale Segmentierung der Produktgruppen aussieht, ist in Wahrheit nichts als die unverbraemte Manifestierung unserer Unterjochung durch Konsumgewohnheiten. Denn wir bekommen sozusagen durch die Hintertuer Essgewohnheiten aufgezwaengt, die eventuell gar nicht unsere eigenen sind.
Nehmen wir zum Beispiel Honig. Honig befindet sich hier im Gang “Breakfast”. Nun, dass ich bisweilen meinen Nachmittags-Tee mit eben diesem Bienen-Auwurf zu suessen pflege, ist den Herren und Damen Regalverwaltern wohl noch nicht in den Sinn gekommen. Und auch dass ich gern nach einem bierreichen Abend in Washingtons Kneipen zu fortgeschrittener Stunde noch eine Dose Tomatensuppe aufmache – und nicht etwa nur zum “Lunch”, wie es das Regalschild der Dosensuppe fordert -, ist den Ess-Indoktrinatoren offenbar relativ egal.
Ich fuehle mich in die Irre gefuehrt, getaeuscht, bedroht.
Morgen werde ich die Supermarktleitung zu verklagen. Auf Schmerzensgeld. In Hoehe von - sagen wir - zweihunderteinundreissig Millionen Dollar.
Posted by Chefredaktion at January 10, 2003 5:45 PMDas solltest du tun! Verklage Sie! Es lebe der REWE Markt an der Moellerbrücke.
Gruss,Marcus