December 16, 2002

Leichenzug und shoppen mit Bill

Am 14. April des Jahres 1945 ueberquert ein schwarz beflaggter Zug mit einem prominenten Passagier den Potomac River und laeuft schnaufend in die “Union Station” ein. Praesident Franklin Delano Roosevelt liegt in dem einzigen angekoppelten Wagen. In einem Sarg.

Viele hat dieser gigantische Bau im Herzen der Haupstadt seit seiner Eroeffnung im Jahre 1907 kommen gehen sehen. Heute hallen die marmornen Boeden und granitenen Saeulen des im Beaux-Arts Stil erbauten Bahnhofs jaehrlich die Fustritte von 25 Millionen Reisenden und Touristen wider – mehr als alle anderen Bauwerke und Sehenswuerdigkeiten der Stadt. Auch ich komme taeglich auf dem Weg zur Arbeit an den pruefenden Blicken der Deckenskulpturen des Monumental-Baus vorbei, allerdings per U-Bahn in einigen Metern Tiefe. Aber zurueck zum Praesidenten: Waere Roosevelt an jenem 14. April noch am Leben gewesen, haette er sicher die Praesidentensuite des Bahnhofs bezogen, die eigens fuer seine Art Amtsinhaber und Wuerdentraeger aus aller Welt eingerichtet worden war. Unter anderem weilten hier Koenigin Elisabeth von England, Koenig Albert von Belgien oder Koenig Hassan II von Marokko. Dabei standen ihnen eine Reihe von Annehmlichkeiten zur Verfuegung, unter anderem eine Bowling-Bahn, tuerkische Baeder, Baecker, Metzger und andere Einrichtungen. Heute gibt es in den Katakomben auch ein grosses Multiplex-Kino.

Zu seiner Bauzeit war der Bahnhof das groesste Bauwerk der USA- was die verbaute Flaeche angeht - und der groesste Bahnhof der Welt. Genau 200 acres betrug die Flaeche des Bauwerks urspruenglich; die angeschlossenen Gleise unmittelbar um den Bahnhof hatten einst eine Laenge von 75 Meilen. Wuerde man das “Washington Monument”, den grossen Obelisken gegenueber des Kapitols, in den Hallen der Union Station verstauen wollen, so waere das kein Problem.

In den siebziger Jahren war das Schicksal des Gebaudes ungewiss. Zunehmender Flugverkehr hatte in weiten Teilen das Reisen per Zug obsolet gemacht, und die Union Station begann den Elementen zum Opfer zu fallen. Erst im Jahre 1981 rettete das “Gesetz zur kommerziellen Entwicklung der Union Station” das epochale Bauwerk vor den Bulldozern. Seit seiner Neueroeffnung im Jahre 1988 ist die komplett authentisch renovierte Union Station aus dem Stadtbild Washingtons nicht mehr wegzudenken. Auf der Suche nach historischem Flair und der Grandeur der Jahrhunderwende bietet die Union Station dem Besucher und Reisenden – nach wie vor ist der Bahnhof eine verkehrstechnische Schaltzentrale an der Ostkueste – eine reizvolle Mischung aus Kultur und Kommerz. Und wie 1945 hat hat die Union einen Praesidenten als treuen Fan: seit sechs Jahren taetigt Ex-Praesident Bill Clinton hier seine Weihnachtseinkaeufe.

Posted by Chefredaktion at December 16, 2002 11:41 AM
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