December 5, 2002
Kalte Füße, Schneegestöber
Gestern schon sagte mir meine Kollegin, dass es heute sein könnte, dass die Agentur wegen Schneechaos geschlossen bleibt. Ab 7:30 würde eine Ansage auf dem Haupt-Telefonanschluss alle Anrufenden ? Mitarbeiter wie Kunden ? darüber informieren. Schneefall, so muss man dazu wissen, ist hier eher selten. Kalt ist es zwar im Winter, aber Schnee, richtig ordentlich Schnee, der fällt hier nicht oft. Wenn es dann aber jedes Jahr einmal so weit ist, bricht das öffentliche Leben nahezu komplett zusammen. Die Schulen bleiben geschlossen, die Unis auch, und ebenso viele Firmen in und um Washington. Denn beim Fall der ersten Flocken ist es mit den Autofahr-Fähigkeiten der Washingtoner vorbei. Da rutschen und schlittern die Blechlawinen auf dem Capital Beltway, dem Autobahnring um die Stadt, bis überhaupt nichts mehr geht. Da bleiben sie halt eben lieber gleich zu Hause.
Ein Blick aus dem Fenster verriet mir heute morgen, dass es in der Tat in der Nacht geschneit hatte, und auch weiterhin kam eine nicht unbeträchtliche Menge vom Himmel. Ein Anruf bei Arnold zur angegebenen Zeit verschaffte mir die Gewissheit, dass auch ich heute in den Genuss von Schnee-Frei kommen sollte.
Wie ernst sie es hier mit den Schließungen allerdings nehmen, das erfuhr ich erst anschließend. Amber und ich machten uns trotz geschlossener Uni auf den Weg zum Campus. Wir wollten dort bei Starbucks frühstücken und nachher noch einige wichtige Dinge in der Bibliothek erledigen. Wie sich jedoch nach unserer Ankunft herausstellte, war tatsächlich alles geschlossen. Also kein Kaffe, kein Croissant, keine Zeitschriften, kein Nichts. Nur stilles Schneetreiben auf gespenstisch leeren Strassen.
Letztere wurden im Laufe des Tages notdürftig mit Schneepflügen geräumt, wobei selbige den weißen Abraum kurzerhand auf die Bürgersteige schoben. Nicht, dass man als Fußgänger in USA nicht schon genug gedemütigt und diskriminiert wird. Nein, da schieben die auch noch die letzten Zentimeter, die man uns Nicht-Autofahrern gönnt, mit meterhohen Schneemassen zu. Nun gut, man gewöhnt sich an alles. Und nach der dritten Eispfütze, in die man bis zur Wade versinkt, spürt man die Kälte auch nicht mehr. Jetzt sitze ich hier, trinke ein Corona und versuche, wieder Blut in meine tauben Beine zu kneten. Bin mal gespannt, ob sich die Lage morgen entspannt…
Posted by Chefredaktion at December 5, 2002 9:51 PM